Winterreise

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Schnee bedeckt die Anhöhe.
Neben den schweren Wolken glüht
die späte Nachmittagssonne in Pastell
Ein Hund trabt über das weiße Feld.
Zieht weite Kreise.
Hell und dunkel. Leise.
Hier und jetzt feiert sich die Welt –
ohne all den Rest.

Und du vergisst,
dass du keine Reise machst,
dass du nur spazieren gehst.

Schneebedeckt, Licht und Schatten, in Pastell.
In der späten Nachmittagssonne
ziehen deine Gedanken weite Kreise.
Und du bist eingeladen
ohne all den Rest.
Und du staunst, wie weit und leise.
Und du vergisst.
Und du bist.

© Katja John, 2021

Wintersonnwende

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Es ist der kürzeste Tag, es ist die längste Nacht.
Wir werden drinnen ganz still und lauschen.
Hören wir noch das Pochen und Rauschen?
Sieh, in den Bilderrahmen sind die Ahnen erwacht!

Es ist der dunkelste Tag, es ist die finsterste Nacht.
Wir zünden die Lichter an auch in den Herzen.
Gegen die Angst. Gegen den Tod und die Schmerzen.
Erinnern uns, wie man bangt, wie man liebt, wie man lacht.

Es war der finsterste Tag, es wird die hellste Nacht.
Wenn ein Stern für uns leuchtet und wir uns besinnen.
Wenn unsere Tage nicht nutzlos verrinnen.
Dann sind nicht nur die Toten wieder aufgewacht.

© Katja John, 2020

Dezember

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Der frühe Schnee ist geschmolzen.
Gülle tränkt den Winterboden.
Daneben siecht schlaff das gelbe Gras –
matschige Existenz.

Ich hoffe nicht auf bessere Zeiten.
Ich hoffe nur auf eine dicke, weiße Decke.
Nachts wäre es wieder mondhell,
mittags sonnten sich kleine Kristalle überall.

Im Schnee von gestern knarzen meine Stiefel.

© Katja John, 2020

Rückblick auf mein 2020

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Januar:
In China entwickelt sich eine neue Lungenentzündung zur Epidemie. Neujahrsessen mit Bruder, Schwägerin und Neffe. Mein Mann fliegt für ein paar Tage zur Messe nach Kalifornien. Bin zum ersten Mal mit Hund und Katzen allein im neuen Heim. Es ist kalt. Einmal schaffe ich es, Feuer im Kachelofen zu machen. Bin stolz auf mich. Und bin froh, als mein Liebster wieder da ist. Hundeschule beginnt.
28. Januar: Erster Fall des neuen Coronavirus in Deutschland, Landkreis Starnberg.

Februar:
Sturm Sabine lässt Äste und Bäume krachen. Die Welt geht unter.
11. Februar: Die neue Krankheit heißt Covid-19.
Zwei Tage Seminar am Ammersee. Am Faschingsdienstag bin ich eine lila Elfe mit blauen Haaren. Das Bad im ersten Stock wird fertig. Nur die Tür fehlt noch. Kaufe Blumenerde. Es schneit.
29. Februar: 57 bestätigte Covid-19-Fälle in Deutschland.

März:
Grassoden ausstechen und das neue Staudenbeet vorbereiten. Geburtstags-Frühstück für meinen Mann.
Am Tag, an dem der Nockherberg hätte stattfinden sollen, erklärt die WHO die Epidemie zur Pandemie. Ich helfe jetzt bei den Krötenzäunen. Meistens ist es zu trocken oder zu kalt. Aber ich freue mich über jeden Frosch, jede Kröte, jeden Molch.
13. März: Appell, alle nicht notwendigen Veranstaltungen abzusagen und auf Sozialkontakte zu verzichten.
15. März: Kommunalwahl in Bayern. Bin Wahlhelferin bei der Briefwahl. Viele Wahlzettel. Viele Kreuze.
16. März: 4.838 bestätigte Covid-19-Fälle, 12 bestätigte Todesfälle in Deutschland. Nacherfassung bei der Wahl, Hamsterkäufe, ich gratuliere meiner Mama beim Gassi gehen zum Geburtstag – ohne Umarmung.
17. März: Großeinkauf in der Gärtnerei. Anemonen, Storchschnabel, Rittersporn, Sonnenhut, Schafgarbe, Salbei weiß und lila, Katzenminze, Zwerg-Frauenmantel, Astern, Sonnenröschen, Blumenerde. So ziemlich rechtzeitig.
21. März: Vorläufige Ausgangsbeschränkung in Bayern. Verlassen der eigenen Wohnung nur noch aus triftigem Grund. Gassi gehen ist unser triftiger Grund. Hundeschule pausiert. In der Arbeit nur noch Notbesetzung. Ich nehme mir vor, meine Steuererklärung zu machen, Gedichte zu schreiben und Bilder zu malen. Die Leinwände und Acrylfarben stehen bereit. Stattdessen räume ich ein altes Blumenbeet auf und bepflanze das neue Staudenbeet.

April:
Zwei abgesagte 40. Geburtstage, zwei abgesagte Seminare. Wir genießen die Zeit und Ruhe daheim. Gehen viel Spazieren mit dem Hund. Im Wechsel Arbeit von zu Hause und Arbeit im Büro. Ostern nur zu zweit. Die Amphibien wandern nicht mehr. Zahl der Neuerkrankungen fällt wieder.

Mai:
Wir tauen eine Ente auf, die ein paar Wochen zuvor noch auf der Nachbarwiese unterwegs war. Den Braten essen wir mit den Schwiegereltern distanziert am großen Tisch. Man trifft sich viel draußen. Ein Bienenvolk zieht ein. Fundament für Hühnerstall steht. Der Kater wird am Bauch genäht. Armes kahles Katzenbäuchlein. Urlaub im Garten. Das heißt: Wie besessen immer wieder Pflanzen ausbuddeln und an neuer Stelle wieder in die Erde setzen. Fünf neue Rosen. Eine Sally Holmes und vier persische. Ich freue mich: Es wird. Mein Mann hat Angst, dass ich zum Pflanzen-Messi werde. Ausflug nach Pappenheim. Erste große Wanderung mit Hund. Bekomme eine neue Brille. Besser.

Juni:
Die Beete blühen. Bin auf Abruf, eine Bekannte zur Entbindung zu fahren. Letztlich fährt sie mit dem Krankenwagen. Fahre nur die Tasche hinterher. Besuch bei Regen über die Terrasse und mit Maske. Es ist ein zufriedener Junge mit dicken Backen. Kleine Wunder interessieren sich nicht für Krisen. Wir sind viel draußen. Bei jedem Wetter. Vieles findet nicht statt. Große Zoom-Überraschung für eine Freundin, die an ihrem runden Geburtstag nicht nach Deutschland reisen konnte. Ein kleiner Trost. Tapezieren und Fußboden im ersten Stock. Wir haben jetzt Platz für die Schränke.

Juli und August:
Ein paar Gartenfeiern und schüchterne Treffen im Biergarten. Romantische Abendessen auf Balkon und Terrasse. Ein Siebenschläfer klaut unsere Tomaten. Anstand und Abstand. Bekomme einen Rosenbogen. Freibadbesuch mit vorabgekauften Eintrittskarten. So viel Platz hatte ich dort noch nie. Der Hühnerstall ist fertig.

September:
Ich lege ein weiteres Staudenbeet an. Der Hund verletzt sich an der neuen Beeteinfassung und wird an der Pfote operiert. Wochenlang Verbandswechsel. Wir haben Urlaub. Wegen der Pandemie nichts gebucht. Wegen verbundener Pfote kein Wandern. Tagesausflug nach Nördlingen. Wir kommen zurück mit vier Hennen und einem Hahn. Den restlichen Urlaub sitze ich im Garten und erfreue mich am Anblick der Hühner. Sie sind üppig, neugierig und verfressen. Nach dem Urlaub kann der Hund wieder laufen. Unser Bad im ersten Stock bekommt eine Tür.

Oktober:
Die alte Katze frisst nicht und steht kaum noch auf. Diagnose: schwaches Herz.
Infektionszahlen steigen flächendeckend an. Lockdown light.
Themen: Wahlweise Trump oder Corona-Pandemie. Ich bin müde. Wieder im Wechsel Arbeit von zu Hause und im Büro. Ein Siebenschläfer hat sich in unser Treppenhaus verirrt, erklimmt die Garderobe und schaut den Hund und mich mit großen Augen an. Es wird kalt. Pflanze zwei Christine-Helene wurzelnackt an den neuen Rosenbogen. Freue mich auf nächstes Jahr.

November:
Endlich ist die US-Wahl vorbei. Aufatmen. Aber irgendwie nimmt das kein Ende… Arbeit weiter im Wechsel. Eines der im Frühjahr abgesagten Seminare wird nachgeholt. Tatsächlich. Wir testen Zoom mit der Familie. Die Herztabletten für die Katze bringen nichts – außer Stress beim Verabreichen.

Dezember:
Gedrückte Stimmung. Alles in allem geht es uns gut. Drei Geburtstage entfallen. Ein Abendessen, zwei Haushalte. Wir freuen uns und sind traurig zu gleich. Die Rouladen sind lecker. Neue Diagnose: Es ist nicht das Katzenherz. Es ist die Lunge.
11. Dezember: Ich suche im Internet nach Covid-19. In Deutschland sind es jetzt 1.287.092 Fälle und 21.064 Todesfälle. Ich schreibe Weihnachtskarten.

Was kommt?
Ich habe Angst vor einsamen Weihnachtsfeiertagen. Ich bin traurig, verunsichert und erschöpft. Aber ich freue mich auf ein gemütliches Silvester zu zweit auf dem Sofa mit meinem liebevollen Ehemann. Wir werden eines unserer vielen Lieblingsgerichte kochen. Oder ein neues entdecken. Ich kann mir niemanden vorstellen, mit dem ich dieses Jahr lieber und besser verbracht hätte. Und ich bin dankbar, dass es mir in diesem Krisenjahr eigentlich doch recht gut geht.
2020 hat jetzt noch knapp drei Wochen. Noch genug Zeit für die Steuererklärung, Acrylbilder und ein paar Gedichte…

© Katja John, 2020

Verwunschdenken

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Verwünsch mich nicht!
Mein Atem ist der Nebel.
Er hüllt die kahlen Herbstbäume
in stille Watte.

Verwünscht ich dich,
du wärest nicht Luft.
Du lägest im Gestein.
Sand zwischen den Zähnen,
halboffen im Dunkeln die Augen.

Doch ich wünsch mir das
nicht
für dich.

Doch ich wünschte mir,
du wüsstest, ich könnt.

© Katja John, 2020

Corona-Gedicht

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Vor einigen Tagen habe ich angefangen, Sprachnachrichten mit Kindergedichten und kindergeeigneten Erwachsenengedichten für unsere Nichte und Neffen aufzunehmen. Darunter Gedichte von Josef Guggenmos, Jutta Richter, Jürgen Spohn, James Krüss, Joachim Ringelnatz. Sogar Ottos Mops von Ernst Jandl. Ich dachte, es bringt vielleicht etwas Abwechslung in den Corona-Alltag und schafft ein bisschen Nähe in einer Zeit, in der wir alle Freunde und Familien nicht besuchen dürfen. Bei den Kindern kam es gut an.

Mein sechsjähriger Neffe, der Reime ohnehin liebt, hat daraufhin selbst begonnen zu dichten und hat uns mit Hilfe seiner Mama sein Corona Gedicht per Sprachnachricht vorgetragen. Hier ist es niedergeschrieben:

Corona-Gedicht von Lukas (6 Jahre)

Auf einmal war Corona da und im Nu
war mein Kindergarten zu.
Auch die Familie konnt‘ ich nicht mehr sehn
das ist echt nicht schön.

Das mit dem Virus ist ein großer Schreck.
Ich hoff er geht bald wieder weg.
Dann kann ich zum Kindergarten gehn
und meine Freunde wieder sehn.

Auch meine Familie besuch ich dann,
wenn ich wieder darf und kann.
Dann nehm ich sie in den Arm.
Dann wird uns kuschligwarm.

 

Auf dünnen Beinen

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Auf der Landstraße
hier nur achtzig bei Dunkelheit
Erfahrung
Schwarzkittel, Fuchs und Hase sagen
Gute Nacht
wie zur Bestätigung liegt vor der Kurve
ein rehblonder Rücken am Straßenrand
abbremsen
einige Wagen zu spät
den Täter rettet meist die leere Nacht
weiter nur Schritttempo
das Ausmaß offenbart sich nach der Biegung
zwei Kitze
gefangen im Scheinwerferlicht
ratlos auf dünnen Beinen.

© Katja John, 2018

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Weihnachtsgans

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Einmal im Jahr zum Weihnachtsfeste
gibt es bei uns gebrat’ne Gans
und zwar in Nürnberg-Land die beste.

Des Weihnachtsbratens Relevanz
zeigt sich bereits so vier, fünf Wochen
vor dem großen Festtagskochen.

Denn dann schon überlegen wir,
ob man dies’ Jahr ein ganzes Tier
bestellen sollte,
oder auch mal ganz bewusst
doch lieber Bio-Gänsebrust
aus Franken wollte.

Nach wochenlangem Hin und Her
ward schließlich sie bestellt –
und was dem Vater gut gefällt –
ziemlich groß und schwer.

Nackig liegt der hohle Körper da
vor Mutter auf der Arbeitsfläche.
Ganz kalt ohne sein Federkleid
tut ihr der Vogel schrecklich leid –
ihr war, als ob er mit ihr spräche.

Es wurde in der Oberpfalz
der Kopf getrennt vom Gänsehals –
kein Schwanz und keine Feder mehr,
das rührt das Herz der Köchin sehr.

Beim Waschen unterm Wasserhahn
fühlt Mutter sich der Gans recht nah.
Sie streichelt sanft dem Tier den Rücken
und kann sich Tränen nicht verdrücken.
Kurz denkt sie an das Wort vegan

Mit Zwiebeln und ‘ner gelben Möhre
kommt unsre Gans dann in die Röhre.
Bald ziehen köstlichste Gerüche
durch unser Haus und in der Küche
sucht man schon Teller für das Mahl.

Und während Mutter etwas fahl
nur Blaukraut nimmt und einen Kloß,
vertilgen ganz bedenkenlos
auch diesen stimmungsvollen Winter
Vater, Oma und die Kinder
den allerbesten Gänsebraten.

Sie mussten ja nicht kochen.
Und soviel kann man schon verraten:
übrig blieben nur die Knochen.

© Katja John, 2017

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Das Butterschmalz

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Das Butterschmalz – Eine Kurzgeschichte zur Vorweihnachtszeit

Ende November hatte sie schon einmal hier gestanden. Hier vor dem Regal mit dem Butterschmalz. Zwar hatte sie die richtige Abteilung gleich gefunden, doch dann hatte sie nicht mehr weiter gewusst. Ihre Augen sind nicht mehr so gut wie früher und es gab viele verschiedene Produkte. Die Verpackungen hatten sich so ähnlich gesehen. Weiß, gelb, eckig. Und auch ein paar runde Becher. Ratlos hatte sie sich schließlich an eine andere Einkäuferin gewandt, die gerade nach einem der eckigen Päckchen gegriffen hatte. „Junge Frau, können Sie mir helfen? Ich suche das Butterschmalz.“ „Meinen Sie das hier ganz oben?“, hatte die junge Frau zurückgefragt und sich gestreckt, um eine Packung aus dem Regal zu holen. „Ist das auch richtiges Butterschmalz? Ich brauche richtiges Butterschmalz.“ „Das ist Butterschmalz. Gibt es in 250 Gramm für 3,29 Euro oder hier die größere Packung mit 500 Gramm für 6,29 Euro. Welches möchten Sie denn?“ „6,29 Euro. So teuer? Gibt es denn noch ein anderes?“

Die junge Frau hatte kurz die anderen Produkte im Regal betrachtet und geantwortet: „Das hier scheint das einzige reine Butterschmalz zu sein. Soll ich Ihnen das kleinere geben?“ Mit dem kleinen wäre sie nicht weit gekommen. Aber 6,29 Euro für 500 Gramm Butterschmalz – dann hätte sie nichts anderes mehr kaufen können. „Oder wollen Sie vielleicht doch etwas mit Pflanzenfett? Die sind günstiger.“ Sie konnte doch nicht Butterplätzchen backen mit Pflanzenfett. „Ach, danke nein. Ich nehme es ein anderes Mal mit.“, hatte sie schließlich leise vor sich hingemurmelt und auf ihre Tasche mit dem Geldbeutel geblickt.

Jetzt stand sie wieder an der gleichen Stelle. Zwar war der erste Advent schon vorbei und sie hatte noch nicht gebacken. Aber letztlich dachte sie, war es gar nicht so schlimm. Denn es war ja auch noch kein Besuch da gewesen. Anfang Dezember ist die Rente wieder ausgezahlt worden und sie wollte nun endlich das Butterschmalz für die Weihnachtsplätzchen kaufen.

Früher hatte sie immer pünktlich zur Adventszeit Plätzchen und Stollen fertig gehabt. So konnte sie dann stolz eine kleine Auswahl in der schönen Weihnachtsschale auf den Tisch neben den Adventskranz stellen. Und alle haben sich gierig darauf gestürzt. Allen voran ihr Mann, vor dem sie die Spitzbuben und Vanillekipferl verstecken musste, weil sonst zu Weihnachten nichts mehr übrig gewesen wäre. Und die Kinder, die sich so sehr über die verschiedenen Formen der ausgestochenen Butterplätzchen gefreut hatten.

Der Weg zum Supermarkt am Ortsausgang war ihr jetzt, da es kälter geworden ist, sogar noch weiter vorgekommen. Als ihr Mann noch gelebt hatte, sind sie viel gelaufen. Weite Strecken. Bei Wind und Wetter. Ganz früher noch mit den Kindern und dann später zu zweit. Noch letztes Jahr hätte ihr der kleine Fußmarsch zum Supermarkt nichts ausgemacht. Doch jetzt stachen und brannten ihre Füße, Knie und Hüften. Die Zehen spürte sie vor Kälte kaum noch. Mehrmals musste sie stehen bleiben, so schwer fiel ihr jeder Schritt. Ihre Handtasche trug sie über dem Arm und die Hände, obwohl sie gestrickte Handschuhe trug, waren durchgefroren. An den Weg zurück wollte sie gar nicht erst denken.

Sie wollte jetzt lieber daran denken, dass sie fast am Ziel war. Das letzte Stück an der Baustelle vorbei, über den großen Parkplatz. Dort klaubte sie bei den Einkaufswagen umständlich, mit steifen Fingern eine Münze aus dem Geldbeutel. Der Wagen war auch praktisch, um sich daran festzuhalten. Mit dem Einkaufswagen schob sie durch die Glastüre, die sich automatisch öffnete, hinein ins Warme, vorbei am Obst und Gemüse, an der Marmelade, an den großen Kühlschränken mit Joghurt und Quark.

Nun stand sie vor dem großen Regal, von dem sie wusste, dass ganz oben das Butterschmalz stand. Sie streckte sich, machte sich so lang sie konnte. Stellte sich sogar ein bisschen auf die schmerzenden Zehen und schaffte es allein, ganz allein, den Eimer mit dem Butterschmalz aus dem Regal zu nehmen. Ihre Augen glänzten und auch wenn man es ihrem müden Gesicht nicht sofort ansah – sie lächelte.

Gleich würde sie bezahlen. Sie drückte ihre Tasche, in der sie das Portemonnaie mit dem Geld wusste. Dann würde sie nach Hause laufen, den Plätzchenteig kneten, ruhen lassen und morgen würde sie den Teig ausrollen, Sterne, Monde, Herzen und Schmetterlinge ausstechen, diese auf ein Blech legen und backen. Es würde länger dauern als früher. Aber sie würde selbstgebackene Plätzchen in der schönen Weihnachtsschale neben dem Adventskranz auf den Tisch stellen können. Und dann würde, so hoffte sie, spätestens wenn die vierte Kerze brennt, auch endlich der Besuch kommen.

© Katja John, 2017

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