Verwunschdenken

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Verwünsch mich nicht!
Mein Atem ist der Nebel.
Er hüllt die kahlen Herbstbäume
in stille Watte.

Verwünscht ich dich,
du wärest nicht Luft.
Du lägest im Gestein.
Sand zwischen den Zähnen,
halboffen im Dunkeln die Augen.

Doch ich wünsch mir das
nicht
für dich.

Doch ich wünschte mir,
du wüsstest, ich könnt.

© Katja John, 2020

Corona-Gedicht

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Vor einigen Tagen habe ich angefangen, Sprachnachrichten mit Kindergedichten und kindergeeigneten Erwachsenengedichten für unsere Nichte und Neffen aufzunehmen. Darunter Gedichte von Josef Guggenmos, Jutta Richter, Jürgen Spohn, James Krüss, Joachim Ringelnatz. Sogar Ottos Mops von Ernst Jandl. Ich dachte, es bringt vielleicht etwas Abwechslung in den Corona-Alltag und schafft ein bisschen Nähe in einer Zeit, in der wir alle Freunde und Familien nicht besuchen dürfen. Bei den Kindern kam es gut an.

Mein sechsjähriger Neffe, der Reime ohnehin liebt, hat daraufhin selbst begonnen zu dichten und hat uns mit Hilfe seiner Mama sein Corona Gedicht per Sprachnachricht vorgetragen. Hier ist es niedergeschrieben:

Corona-Gedicht von Lukas (6 Jahre)

Auf einmal war Corona da und im Nu
war mein Kindergarten zu.
Auch die Familie konnt‘ ich nicht mehr sehn
das ist echt nicht schön.

Das mit dem Virus ist ein großer Schreck.
Ich hoff er geht bald wieder weg.
Dann kann ich zum Kindergarten gehn
und meine Freunde wieder sehn.

Auch meine Familie besuch ich dann,
wenn ich wieder darf und kann.
Dann nehm ich sie in den Arm.
Dann wird uns kuschligwarm.

 

Auf dünnen Beinen

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Auf der Landstraße
hier nur achtzig bei Dunkelheit
Erfahrung
Schwarzkittel, Fuchs und Hase sagen
Gute Nacht
wie zur Bestätigung liegt vor der Kurve
ein rehblonder Rücken am Straßenrand
abbremsen
einige Wagen zu spät
den Täter rettet meist die leere Nacht
weiter nur Schritttempo
das Ausmaß offenbart sich nach der Biegung
zwei Kitze
gefangen im Scheinwerferlicht
ratlos auf dünnen Beinen.

© Katja John, 2018

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Weihnachtsgans

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Einmal im Jahr zum Weihnachtsfeste
gibt es bei uns gebrat’ne Gans
und zwar in Nürnberg-Land die beste.

Des Weihnachtsbratens Relevanz
zeigt sich bereits so vier, fünf Wochen
vor dem großen Festtagskochen.

Denn dann schon überlegen wir,
ob man dies’ Jahr ein ganzes Tier
bestellen sollte,
oder auch mal ganz bewusst
doch lieber Bio-Gänsebrust
aus Franken wollte.

Nach wochenlangem Hin und Her
ward schließlich sie bestellt –
und was dem Vater gut gefällt –
ziemlich groß und schwer.

Nackig liegt der hohle Körper da
vor Mutter auf der Arbeitsfläche.
Ganz kalt ohne sein Federkleid
tut ihr der Vogel schrecklich leid –
ihr war, als ob er mit ihr spräche.

Es wurde in der Oberpfalz
der Kopf getrennt vom Gänsehals –
kein Schwanz und keine Feder mehr,
das rührt das Herz der Köchin sehr.

Beim Waschen unterm Wasserhahn
fühlt Mutter sich der Gans recht nah.
Sie streichelt sanft dem Tier den Rücken
und kann sich Tränen nicht verdrücken.
Kurz denkt sie an das Wort vegan

Mit Zwiebeln und ‘ner gelben Möhre
kommt unsre Gans dann in die Röhre.
Bald ziehen köstlichste Gerüche
durch unser Haus und in der Küche
sucht man schon Teller für das Mahl.

Und während Mutter etwas fahl
nur Blaukraut nimmt und einen Kloß,
vertilgen ganz bedenkenlos
auch diesen stimmungsvollen Winter
Vater, Oma und die Kinder
den allerbesten Gänsebraten.

Sie mussten ja nicht kochen.
Und soviel kann man schon verraten:
übrig blieben nur die Knochen.

© Katja John, 2017

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Das Butterschmalz

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Das Butterschmalz – Eine Kurzgeschichte zur Vorweihnachtszeit

Ende November hatte sie schon einmal hier gestanden. Hier vor dem Regal mit dem Butterschmalz. Zwar hatte sie die richtige Abteilung gleich gefunden, doch dann hatte sie nicht mehr weiter gewusst. Ihre Augen sind nicht mehr so gut wie früher und es gab viele verschiedene Produkte. Die Verpackungen hatten sich so ähnlich gesehen. Weiß, gelb, eckig. Und auch ein paar runde Becher. Ratlos hatte sie sich schließlich an eine andere Einkäuferin gewandt, die gerade nach einem der eckigen Päckchen gegriffen hatte. „Junge Frau, können Sie mir helfen? Ich suche das Butterschmalz.“ „Meinen Sie das hier ganz oben?“, hatte die junge Frau zurückgefragt und sich gestreckt, um eine Packung aus dem Regal zu holen. „Ist das auch richtiges Butterschmalz? Ich brauche richtiges Butterschmalz.“ „Das ist Butterschmalz. Gibt es in 250 Gramm für 3,29 Euro oder hier die größere Packung mit 500 Gramm für 6,29 Euro. Welches möchten Sie denn?“ „6,29 Euro. So teuer? Gibt es denn noch ein anderes?“

Die junge Frau hatte kurz die anderen Produkte im Regal betrachtet und geantwortet: „Das hier scheint das einzige reine Butterschmalz zu sein. Soll ich Ihnen das kleinere geben?“ Mit dem kleinen wäre sie nicht weit gekommen. Aber 6,29 Euro für 500 Gramm Butterschmalz – dann hätte sie nichts anderes mehr kaufen können. „Oder wollen Sie vielleicht doch etwas mit Pflanzenfett? Die sind günstiger.“ Sie konnte doch nicht Butterplätzchen backen mit Pflanzenfett. „Ach, danke nein. Ich nehme es ein anderes Mal mit.“, hatte sie schließlich leise vor sich hingemurmelt und auf ihre Tasche mit dem Geldbeutel geblickt.

Jetzt stand sie wieder an der gleichen Stelle. Zwar war der erste Advent schon vorbei und sie hatte noch nicht gebacken. Aber letztlich dachte sie, war es gar nicht so schlimm. Denn es war ja auch noch kein Besuch da gewesen. Anfang Dezember ist die Rente wieder ausgezahlt worden und sie wollte nun endlich das Butterschmalz für die Weihnachtsplätzchen kaufen.

Früher hatte sie immer pünktlich zur Adventszeit Plätzchen und Stollen fertig gehabt. So konnte sie dann stolz eine kleine Auswahl in der schönen Weihnachtsschale auf den Tisch neben den Adventskranz stellen. Und alle haben sich gierig darauf gestürzt. Allen voran ihr Mann, vor dem sie die Spitzbuben und Vanillekipferl verstecken musste, weil sonst zu Weihnachten nichts mehr übrig gewesen wäre. Und die Kinder, die sich so sehr über die verschiedenen Formen der ausgestochenen Butterplätzchen gefreut hatten.

Der Weg zum Supermarkt am Ortsausgang war ihr jetzt, da es kälter geworden ist, sogar noch weiter vorgekommen. Als ihr Mann noch gelebt hatte, sind sie viel gelaufen. Weite Strecken. Bei Wind und Wetter. Ganz früher noch mit den Kindern und dann später zu zweit. Noch letztes Jahr hätte ihr der kleine Fußmarsch zum Supermarkt nichts ausgemacht. Doch jetzt stachen und brannten ihre Füße, Knie und Hüften. Die Zehen spürte sie vor Kälte kaum noch. Mehrmals musste sie stehen bleiben, so schwer fiel ihr jeder Schritt. Ihre Handtasche trug sie über dem Arm und die Hände, obwohl sie gestrickte Handschuhe trug, waren durchgefroren. An den Weg zurück wollte sie gar nicht erst denken.

Sie wollte jetzt lieber daran denken, dass sie fast am Ziel war. Das letzte Stück an der Baustelle vorbei, über den großen Parkplatz. Dort klaubte sie bei den Einkaufswagen umständlich, mit steifen Fingern eine Münze aus dem Geldbeutel. Der Wagen war auch praktisch, um sich daran festzuhalten. Mit dem Einkaufswagen schob sie durch die Glastüre, die sich automatisch öffnete, hinein ins Warme, vorbei am Obst und Gemüse, an der Marmelade, an den großen Kühlschränken mit Joghurt und Quark.

Nun stand sie vor dem großen Regal, von dem sie wusste, dass ganz oben das Butterschmalz stand. Sie streckte sich, machte sich so lang sie konnte. Stellte sich sogar ein bisschen auf die schmerzenden Zehen und schaffte es allein, ganz allein, den Eimer mit dem Butterschmalz aus dem Regal zu nehmen. Ihre Augen glänzten und auch wenn man es ihrem müden Gesicht nicht sofort ansah – sie lächelte.

Gleich würde sie bezahlen. Sie drückte ihre Tasche, in der sie das Portemonnaie mit dem Geld wusste. Dann würde sie nach Hause laufen, den Plätzchenteig kneten, ruhen lassen und morgen würde sie den Teig ausrollen, Sterne, Monde, Herzen und Schmetterlinge ausstechen, diese auf ein Blech legen und backen. Es würde länger dauern als früher. Aber sie würde selbstgebackene Plätzchen in der schönen Weihnachtsschale neben dem Adventskranz auf den Tisch stellen können. Und dann würde, so hoffte sie, spätestens wenn die vierte Kerze brennt, auch endlich der Besuch kommen.

© Katja John, 2017

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Kronenknistern

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Bald bricht
das Grün durch
die kahlen Äste
Gäste im Licht
jetzt reckt sich
streckt sich
der Wald

Feste in den ersten
Sonnenstrahlen
die kraftvoll durch
die noch kahlen
Birken streichen
durch Buchen
durch Eichen

wenn sie die Föhren betören
bis zum Bersten
mit Wärme liebkosen
hört man die zügellosen
Dämonen – sie wohnen
in den Kiefernkronen –
knistern.

© Katja John, 2017

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Von dem, was bleibt

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Jetzt sind deine Haare weiß
der Tisch trägt die gleiche Decke
abwaschbar
hier gab es Himbeerpudding, Memory
und Apfelspalten

wie lange war ich weg?

die Arthrose kann nicht mehr stricken
nicht mehr den Reißverschluss greifen
muss i denn muss i denn
in die weite Welt hinaus
dachte ich und ging

horch was kommt von draußen rein
hast du gesungen
und jetzt lauschst du
dem Froschkönig von CD
damals hast du für mich gelesen

Dornröschen auf der Eckbank
selig lächelnd
Pillen gegen das Verlorengehen
manchmal bist du nicht mehr
zu Hause hinter deinen Lidern

wie lange war ich weg
und nun fremd hier
nur noch ein paar helle
Augenblicke
daheim bei dir.

© Katja John, Version Lyrikstier 2017
(ausgezeichnet mit dem Sonderpreis des Magazins „Bayerns Bestes“)

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